Was haben das Gebiet um Pressburg und Burgenland, kroatische Volkskultur, der Habsburgerkaiser Franz II und die deutsche Nationalhymne gemeinsam?

Zugegeben: Die Überschrift klingt etwas verwirrend. Dennoch gibt es eine eindeutige, sehr spannende Verbindung. Entdeckt habe ich sie vor etwa zehn Jahren, als unsere reizende Tanzlehrerin Marianne uns ins Salzburg ein altes kroatisches Volkslied vorspielte und vortanzte, das abgekürzt „Jutro rano“ (Frühmorgens) heißt. Es kam mir als Liebhaber der k.u.k.-Geschichte und gebürtig aus dem Donauraum um Pressburg verdächtig bekannt vor. Doch wie genau hängen all die scheinbar unterschiedlichen Dinge zusammen?

Pressburg um 1915 (Quelle: Fortepan / Erky-Nagy Tibor)

Also, das geht so.

Zwar liegen das historische Pressburg (die heutige Hauptstadt der Slowakei, Bratislava) und Burgenland in zwei verschiedenen Ländern. Dazwischen war Europa 40 Jahre lang durch den Eisernen Vorhang getrennt.

Der Neusiedlersee und die ungarische Grenze von der Ödenburger Straße aus. (Quelle: Fortepan / Csaba László örökösei)

Doch dem war nicht immer so. Genauer, dem war in der Geschichte bis 1921 nie so. Denn das, was wir heute Burgenland nennen, war seit dem ersten ungarischen König Stephan I. (um 1000 n. Chr.) Teil des Königreichs Ungarn. Die Bevölkerung war überwiegend deutschsprachig und so nannte man das Gebiet „Deutsch-Westungarn“. Erst nach dem Zerfall Österreich-Ungarns und dem Vertrag von Trianon im Jahr 1920 wurde das Gebiet an die neu entstandene Republik Österreich abgetreten und als eigenständiges Bundesland deklariert. Eine wie auch immer geartete wesentliche Trennung zwischen Pressburg und dem Burgenland hat an die tausend Jahre lang also nie existiert.

Soweit so gut. Wie hängt das aber mit den Kroaten zusammen? Bekanntlich lebt in Burgenland (auf Kroatisch Gradišće, auf Ungarisch Őrvidék) eine immer noch prägende kroatische Minderheit. Und die gab es genauso in der Gegend von Pressburg uns bis nach Trnava (z.B. der Ort Chorvátsky Grob, hier ließ Graf Illésházy kroatische Kolonisten siedeln). Schließlich handelte es sich wie erklärt um ein Königreich ohne irgendwelche Grenzen dazwischen. Die Ansiedelung der Kroaten in Mitteleuropa erfolgte in mehreren Wellen bereits ab dem 16. Jahrhundert. Einerseits flohen sie vor der osmanischen Expansion auf dem Westbalkan, andererseits trieben auch die Habsburger bzw. der ungarische Adel ihre Kolonisierung aktiv voran, um durch Kriege und Seuchen entvölkerte Landstriche wieder wirtschaftlich zu beleben. Allein auf heute slowakischem Gebiet umfasste die kroatische Besiedelung über 50 Ortschaften. Auf der burgenländischen Seite bemühten sich besonders die Grafen Erdődy und Batthyány um die Neubesiedlung aus dem Süden.

Eine wichtige Zutat für die Lösung unseres Rätsels hätten wir somit, die Kroaten im untersuchten Gebiet. Ihr Volkslied übrigens, das wir hier analysieren, trägt den vollen Namen „Stal se jesam rano jutro malo pred zoru“ (übersetzt in etwa: „Kurz  vor der Morgendämmerung stehe ich auf“). Aber schön der Reihe nach. Um alles verstehen zu können, brauchen wir noch Kaiser Franz II.

Franz Joseph Karl (1768 – 1835) aus dem Haus Habsburg-Lothringen war als Franz II. der letzte Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, doch begründete er 1804 als Franz I. das Kaisertum Österreich. Das altehrwürdige Heilige Römische Reich hörte bald darauf auf zu existieren.

Ein älterer Zeitgenosse des Kaisers war der berühmte und international verehrte (Ehrendoktorat der Universität Oxford) Komponist Joseph Haydn, Hofkapellmeister bei der Familie Esterházy und prägend für Musikgrößen wie Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven. 1797 komponierte Haydn zu Ehren des (noch) Kaisers Franz II. eine neue Hymne, die als „Kaiserhymne“ in die Geschichte einging. Der Zeitpunkt der Entstehung dieses Musikstücks ist kein Zufall. Hier steckte eine gewisse Absicht dahinter, der Wunsch nämlich der französischen Marseillaise und dem englischen „God Save the King (Queen)“ zu konkurrieren. Die liebliche und einprägsame Melodie wurde rasch bekannt und beliebt.

Franz Joseph Haydn (* 31. März oder 1. April 1732 in Rohrau, Erzherzogtum Österreich; † 31. Mai 1809 in Wien) Quelle: Wikimedia Commons

Jetzt kommen wir der Sache schon näher. Nicht nur dem kroatischen Musikwissenschaftler Franjo Kuhač ist aufgefallen, dass Haydns Hymne dem Volkslied „Jutro rano“ verdächtig ähnlich ist, über weiter Strecken mit ihm sogar identisch. Es ist naheliegend, dass Haydn, der in dieser Gegend des „Gradišće“ auf die Welt gekommen ist und hier gelebt und gewirkt hat, die schöne Melodie von den Kroaten aufgeschnappt hat, unter denen sie schon lange Zeit gesungen wurde. Es war wohl nicht der einzige Fall einer solchen Inspiration, denn beispielsweise auch das Lied „Oj, Jelena, Jelena, jabuka zelena” fand in die 104. Symphonie Haydns (London Symphony) Einzug. Natürlich hatte Joseph Haydn als Kapellmeister am Hof der Esterházys beruflich auch in und um Pressburg zu tun, wo Begegnungen mit der kroatischen Kultur ebenso gut möglich waren wie in Burgenland.

Die Anlehnung von Komponisten an das Volksliedgut war übrigens nicht ungewöhnlich. Und auch andere Staatshymnen sind auf diese Weise entstanden. So etwa die slowakische „Nad Tatrou sa blyska“ („Über der Tatra gewittert es“). Ihre Melodie wurde im Ungarischen Königreich sowohl als ungarisches (Azt mondják nem adnak engem galambomnak) als auch als slowakisches (Kopala studienku) Volkslied gesungen. Obwohl es geringfügige musikalische Unterschiede gibt (etwa im Rhythmus), ist es dennoch offensichtlich, dass es sich um ein und dieselbe Melodie handelt. Die Volkslied-Texte in beiden Sprachen finden sich unter www.magyar-iskola.sk).

Jetzt haben wir einen Teil der Fragen geklärt. Die Kaiserhymne (eigentlich sollte es Kaiserhymnen im Plural heißen, denn man passte den Text immer dem gerade herrschenden Kaiser an) blieb bis zum Zerfall der Monarchie bestehen. Joseph Haydn machte – wie übrigens die meisten Komponisten auch – etwas durchaus Übliches; er baute Volksweisen in seine Kompositionen ein. Man könnte auch sagen, er „hat bei den Kroaten abgeschrieben“. Doch wie wurde daraus die deutsche Hymne? Warum wollten die Österreicher ihre alte Kaiserhymne nicht mehr haben?

Autograph (Reinschrift) der Kaiserhymne von Joseph Haydn Gott erhalte Franz den Kaiser. (Quelle: Wikimedia Commons)

Die Antwort ist nicht schwer zu erraten: „Gott erhalte, Gott beschütze unsern Kaiser, unser Land“ war für die neu entstandene Republik kein besonders attraktiver Text. Die Habsburger wurden vertrieben und die Beziehung ihres einstigen Landes zu ihnen war mehr als zwiespältig (noch zutreffender wäre das Wort gestört). Zu eng war die Kaiserhymne mit der Monarchie und dem Haus Habsburg verbunden. Eine Verherrlichung des Kaisers war nicht mehr erwünscht. Zwar wurde die Melodie immer wieder neu vertextet und es gab auch Bestrebungen, sie als Bundeshymne der Republik Österreich II wieder einzusetzen, jedoch wollte man dann doch eine neue „eigene“ Hymne, deren Komponist noch nicht ganz ausgeforscht ist. Es handelte sich somit nicht einmal um eine „feindliche Übernahme“ durch die Deutschen (die in Österreich gern als „Piefkes“ tituliert werden), sondern um eine freiwillige Aufgabe.

Und so wurde die Hymne sozusagen „frei“. In Deutschland und in ganz Mitteleuropa war die Melodie bereits seit hundert Jahren populär. Und so wurde sie 1922 in der Weimarer Republik offiziell zur Nationalhymne der Deutschen. Freilich mit verschiedenen Höhen und Tiefen.

Angefangen hat es bereits 1841, als August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, ein politischer Dichter, der sich für die nationale Einheit und Freiheit Deutschlands einsetzte, sein „Lied der Deutschen“ in diese Melodie kleidete. Dahinter steckte der große Traum von der nationalen Einigung der vielen zersplitterten deutschen Einzelstaaten. Doch sollte es noch mehr als 80 Jahre dauern, bis daraus 1922 die deutsche Nationalhymne wurde.

Der Text hatte drei Strophen, und wenig überraschend stand in der Zeit des Nationalsozialismus insbesondere die erste Strophe im Vordergrund: „Deutschland, Deutschland über alles“. Verständlich, dass es nach dem Verlust von Hitlers Krieg kein passender Text mehr für ein sich erst entwickelndes demokratisches Land war. Erst 1952 wurde das „Lied der Deutschen“ unter Bundespräsident Theodor Heuss und Bundeskanzler Konrad Adenauer dennoch wieder zur Nationalhymne, doch diesmal mit der „harmlosen“ dritten Strophe („Einigkeit und Recht und Freiheit“).

Und so führte uns unsere Tanzlehrerein Marianne in Salzburg zu einem historisch-musikalischen Rätsel, das hiermit hoffentlich halbwegs verständlich erklärt wurde: Türkenkriege – Kroaten in Mitteleuropa – Volkslieder – Kaiser Franz I. und zugleich II. – Joseph Haydn – Kaiserhymne – der 1. Weltkrieg und Zerfall der Monarchie – deutsche Nationalhymne.

 

PS Wer Kroatisch versteht, kann in diesem Beitrag mehr darüber lesen: Melodija njemačke himne u nekim dijelovima potpuno je ista napjevu stare hrvatske pjesme iz Gradišća: Joseph Haydn komponirao je njemačku himnu po uzoru na starohrvatski napjev.

Robert Hofrichter

Lektorat: Christoph Volker